Mein Leben lang hatte ich mit Lust gesungen, in Chören, wo ich gerade lebte. Kurze Strecken lang auch mit Anleitung ... Dann wurde es anstrengend, die höheren Töne, der Atem... und öfter fragte ich mich: abfinden? Oder geht da noch was ? Aufgeben? ? ? Da kam Edith in unseren Chor mit dem Angebot, mit Einzelnen von uns zu arbeiten. Ich war unabhängig genug, um mir die Zeit dafür nehmen zu können, und ich tat es - zugegeben, etwas vorsichtig... So begann meine Lernstrecke mit Edith. Sie dauert inzwischen acht Jahre. Sie bedeutet, ich lerne das Singen nochmal neu, also ich verlerne, lerne um und neu, Vieles, Vieles um und neu. Dabei fasziniert mich Ediths Aufmerksamkeit – sie hört mich schon singen, wenn ich gerade erst einatme, z.B. - und ihre Fähigkeit sich zuzuwenden, die sie Gedanken und Fragen wahrnehmen lässt, bevor ich sie ausspreche. Ich erkannte bald, wie viel Angelerntes, Erworbenes, wie viele Sicherheitsbedürfnisse, Ängste und Wünsche den freien Klang meiner Stimme behinderten... Edith hat auch das kleinste Voran gesehen, gehört, mich aufmerksam gemacht und es gewürdigt... Inzwischen bin ich angesteckt von ihrer Begeisterung, das eigene Instrument, den eigenen Körper kennenzulernen, wie in ihm der Klang entsteht, wie er dabei in allen seinen Teilen aufeinander bezogen ist und funktioniert, wenn ich ins Nicht – Tun finde ( nicht zu verwechseln mit Nichts-Tun! ). Sie versteht zu meinem Glück, wie froh ich über ihre Geduld bin, weil ich mich noch immer hier und da anspanne - um etwas besonders gut zu machen z.B. - obwohl mir längst klargeworden ist, dass mein Wunsch sich viel eher erfüllt, wenn ich ihn begleite, statt ihn zu forcieren. So erlebe ich bewußt einen Weg zu mir selbst, voller Überraschungen! Ich lerne viel mehr als meinen Körper kennen auf diesem Weg zum freien Singen und bewundere dabei Ediths unerschöpfliche Phantasie, Übungen für mich zu (er-)finden, um eine Schwierigkeit einzukreisen, ein mir manchmal nur teilweise bewusstes Problem einen Schritt weiter zu lösen. Wunderbar ermutigend ist ihre Mitfreude, wenn mir etwas gelingt oder wenn ich überrascht sage: Ach sooo!! Oder: endlich hab ich verstanden, was Du so lange schon gemeint hast. In ihr Lachen dann stimme ich nur zu gerne ein! Staunend erlebe ich: wenn es sich „leicht anfühlt“, bin ich auf gutem Weg. Geht es dabei um körperliches Tun und Lassen, hilft mir sehr, dass Edith so deutlich durch ihren Körper sprechen kann. Ich darf ihr im Zuschauen zuhören, und es ist, als könnte mein Körper auch im Schauen unmittelbar für sich übersetzen, worum es gerade geht, ohne den Umweg übers Denken...Dadurch wird für mich Schwieriges unvermittelt einfach! Mir scheint, ich bin weiter, als ich je gewesen bin und noch vor einigen Jahren zu hoffen gewagt habe. Ich gewinne endlich Antworten auf Fragen: wie werde ich beweglicher, elastischer in Körper und Ton, wie löse ich Druck auf, wie lerne ich, mich selbst so zu gebrauchen, dass ich besser atme, damit die Luft reicht, damit sich meine Stimme regulieren kann, voller und gleichzeitig leichter wird. Das alles nach und nach zu lernen, ist meine ungeahnte Freude...! Danke, Edith
Inge Hofmann, Radebeul, 2022